Rezension

Wahnsinn und Verstand - Hartmut Finkeldey

Ches Schelmenroman aus der autonomen Szene

Ein paar Vorbemerkungen bitte. Ich fühle mich ganz merkwürdig berührt von diesem Buch. Die Szene, die Ches brillanter Schelmenroman schildert – nämlich die linksautonome –, war nur wenige Zentimeter von mir entfernt – und mir dennoch so fremd, dass ich trotz grundsätzlicher Sympathien immer auf Distanz hielt. Das ging nicht nur mir so. Und che schildert so ironisch wie großartig, warum das so war: Weil zum Beispiel einfach niemand von »uns« – ich sage jetzt mal »uns« und nenne uns »adorno/nietzsche-affine, linksbürgerliche Ästheten, Philosophen, Künstler«, da gerade kein besserer Begriff zur Hand ist – weil also schlicht niemand von uns Lust hatte, seine oder ihre privaten Verhältnisse in irgend welchen Plenen verhandelt zu sehen. Weil niemand von uns Lust hatte, sämtliche Gefühlsregungen, sämtliche Lebensvollzüge unter ideologiekritisches Kuratel gestellt zu wissen. Che schildert eine Frauengruppe, die jeglichen Geschlechtsverkehr, der über schamvolles Berühren von Eichel und Klitoris hinausgeht, als Vergewaltigung einordnet… und jede und jeder, die und der Einblick haben konnte, weiß, dass er nicht einmal übertriebt; genau so war es.

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Rezension

Wahnsinn und Verstand - Herwig Finkeldey

Niemand weiß alles

Ches Schelmenroman aus der Autonomie jenseits des freiheitlich-demokratischen, grundgeordneten Lebens

Der Renneritz Verlag mausert sich zum Verlag der Blogger, die nach jahrelangen, digitalen Netzschlachten einfach auch einmal auf Zellulose veröffentlichen wollen. Nach den Herren de Lapuente und Grabow, nach dem „Ostseeripper“ nun also einer der zeitlich wie ranglich ersten Blogger der freiheitlich-demokratischen Bunzerepublik, Che himself mit seinem Schelmenroman aus der autonomen Szene „Wahnsinn und Verstand“ im obligaten schwarz-roten Anarchisteneinband.

Die Wertung vorweg: Ein wunderbares Buch, böse nach allen Seiten, wie es sich gehört, mit Stichen vor allem in die autonome Szene hinein.
Da wird ein dämliches Mißverständnis in einer WG zur Vergewaltigung umgelogen. Diese wird in der Vorinternetära – man bezahlt in dem Roman noch mit D-Mark, es handelt sich also um die 90er Jahre – mittels Denunziantensteckbrief in den gängigen Szenekneipen publik gemacht. Was zu einer Flucht bis nach London führt, geradewegs in die Arme von… aber Pssst! nicht zu viel verraten.

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